Falltext und Musterlösung
Vollständiger Falltext
Sie arbeiten als Auszubildende:r im 2. Ausbildungsjahr in einer besonderen Wohnform für Menschen mit Behinderungserfahrung. Das Haus hat drei Etagen, die jeweils über Zimmer für die Kunden und eigene Gemeinschaftsräume wie ein gemeinsames Wohn- und Esszimmer mit angeschlossener offener Küche verfügen. Auf der ersten Etage wohnen Kunden mit besonders hohem Assistenz- und Pflegebedarf. Die 2. Etage, auf der auch Sie als Assistenzgeberin eingesetzt sind, beherbergt fünf kognitiv stärkere Kunden, welche alle tagsüber die WfbM besuchen. In der dritten Etage gibt es Verselbständigungszimmer und einen leerstehenden Raum, welcher bisher wenig genutzt wird.
Am heutigen Nachmittag stehen Sie mit Simon Rolfes in der Küche und bereiten eine Lasagne vor, als Antonia Kroos, Marina Götze und Mario Basler gemeinsam von der WfbM nach Hause kommen. Sie bringen ihre Sachen in die Zimmer, treffen sich am gemeinsamen Esstisch, beginnen ein Kartenspiel, trinken Kaffee und tauschen sich über den Arbeitstag aus.
Einige Minuten später betritt Thomas Müller die Etage. Er wohnt erst seit wenigen Wochen im Haus und arbeitet in einer anderen WfbM, 20 Minuten mit dem Bus entfernt. Dort fühlt er sich wohl und möchte deshalb den Arbeitsplatz nicht wechseln. Herr Müller nimmt sich Kaffee, setzt sich ans andere Ende des Esstischs und schaut den dreien beim ausgelassenen Spielen zu. Immer wieder schaut er gebannt auf die Abläufe im Kartenspiel.
Gerade als Sie ihn animieren wollen mitzuspielen, betritt Ihr Anleiter Florian Wirtz den Raum und erinnert Thomas an Zimmer aufräumen, Elternbesuch, Märchenzoo, Physiotherapie, Papiermüll, keinen Kiosk-Abstecher und gemeinsames Essen um 19 Uhr. Herr Müller sagt, er habe sich gerade erst hingesetzt, nickt aber, trinkt den Kaffee aus und macht sich sichtlich missmutig an die Arbeit. Auf dem Weg murmelt er: „Oh Mann Märchenzoo, ich bin doch kein Baby mehr.“
Um 19 Uhr erscheint Herr Müller zum Abendessen. Nach dem Essen wird er gefragt, ob er Karten spielen möchte. Er antwortet: „Nee, bin total K.O.“ und geht in sein Zimmer. Kurz darauf dröhnt die Anfangsmelodie von „Großstadtrevier“ durch seine Tür. In der Akte stehen seine Interessen: Tierfilme wie „Wildnis im Westerwald“ und „Natur in NRW“, Sparziel Kamera mit Teleobjektiv, frühere Radtouren mit den Großeltern.
A1 – relevante Informationen
Person: Thomas Müller, 34 Jahre, neu in der Wohnform, andere WfbM, selbstgewählter Arbeitsplatz.
Situation: Er nähert sich einer Spielgruppe über Beobachten, wird aber vor dem Einstieg durch eine Pflichtansprache herausgelöst.
Struktur: gemeinsame Räume, Etagenstruktur, leerstehender Raum, Abendessenszeit, Ämter, Physiotherapie.
Gruppe: Antonia, Marina und Mario verfügen über eine eigene Freizeitkultur aus WfbM-Erleben, Kaffee, Austausch und Kartenspiel.
A1 – Herausforderungen und Ressourcen
Herausforderungen Teilhabebarriere, Gruppeneinstieg, Fremdbestimmung, institutionelle Verdichtung, mögliche Infantilisierung, Rückzug ins Zimmer.
Ressourcen Interesse an Spielabläufen, Natur, Tieren, Fotografie, Radtouren, Arbeitsplatzbindung, Gemeinschaftsräume, Peergruppe, leerstehender Raum.
Prüfungsbrücke Die A1-Informationen werden in A2 mit Freizeitpädagogik, Spielpädagogik, ICF, Empowerment, Normalisierung und Gruppendynamik erklärt.
A2 – fachtheoretische Analyse
Freizeitpädagogik: Freizeit ist nicht Restzeit nach Pflichten, sondern Raum für Erholung, Wahl, Beziehung, Identitätsentwicklung und Teilhabe. Herr Müller wird gerade in einer möglichen Freizeit- und Kontaktsituation unterbrochen.
Spielpädagogik: Das Kartenspiel ist soziales Lernfeld: Regeln, Kommunikation, Fairness, Gruppenzugehörigkeit und Umgang mit Gewinnen/Verlieren. Herr Müller zeigt Interesse, aber noch keinen sicheren Einstieg.
Beobachtungslernen: Sein gebanntes Zuschauen ist ein möglicher Einstieg über Modelllernen. Die Dreiergruppe dient als Modell für Regeln und soziale Codes.
ICF: Förderfaktoren sind Tisch, Gemeinschaftsraum, Spielgruppe und Interessen. Barrieren sind fremdbestimmte Ansprache, Zeitdruck, Gruppenschwelle und nicht abgestimmte Freizeitplanung.
Empowerment und Selbstbestimmung: Herr Müller benennt eigene Positionen: Arbeitsplatz behalten, Märchenzoo als nicht passend erleben, Kamera sparen. Fachlich muss seine Perspektive Ausgangspunkt sein.
Normalisierung: Er ist ein erwachsener Mann. Tier- und Naturinteresse müssen erwachsenengerecht übersetzt werden: Naturfotografie, Wildpark, Fotoprojekt, Radtourplanung, nicht kindlich gerahmte Angebote.
A3 – Handlungsmöglichkeiten
1. Spielzugang: Wahl zwischen Zuschauen, Regelkarte, Proberunde, Teamvariante.
2. Partizipativer Tagesplan: Kaffee/Ankommen sichern, Termine sichtbar machen, flexible Aufgaben gemeinsam planen.
3. Teamreflexion: Ansprache und Timing des Anleiters fachlich reflektieren.
4. Interessenprofil: Natur, Tiere, Kamera, Radtouren und Medien als Ressourcen erheben.
5. Erwachsenengerechte Ausflüge: Märchenzoo prüfen, alternativ Wildpark/Naturroute/Fototour.
6. Fotoprojekt: leerstehenden Raum als Projekt- und Teilhaberaum nutzen.
Evaluation
Erfolg wird an beobachtbarer Beteiligung, weniger Rückzug, selbst formulierter Zufriedenheit, Teilnahme an Spiel- oder Naturangeboten, gelingender Aufgabenplanung und Rückmeldung der Gruppe überprüft.
Die Dokumentation sollte Ausgangslage, gewählte Unterstützung, Reaktion von Herrn Müller, Gruppeneffekte, nächste Anpassung und subjektive Bewertung enthalten.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Gemeinsam: Alle Kunden kommen aus Arbeitskontexten in die Freizeit, brauchen Übergang, Erholung, soziale Teilhabe, Wahlmöglichkeiten und erwachsenengerechte Ansprache.
Unterschied: Antonia, Marina und Mario haben eine stabile Peergroup und gemeinsame WfbM-Erfahrung. Thomas ist neu, kommt aus einer anderen WfbM und nähert sich eher beobachtend an.
Prüfungsrelevant: Die Musterlösung darf Thomas nicht isolieren. Die Gruppendynamik ist zugleich Ressource und Barriere.
Übersicht: Prüfungs- und Falllogik
Punkte- und Operatoren-Dashboard
Verdichtete Prüfungsformel
Argumentations-Sankey: Fallbeleg → Herausforderung → Theorie → Maßnahme
Fallnetz: Personen, Orte, Barrieren, Ressourcen, Theorien
Zeitlogik als Swimlane: Wo bricht Teilhabe ab?
ICF-Matrix: Förderfaktoren und Barrieren
Lesart für die Klausur
Die Teilhabeschwierigkeit liegt nicht nur in Thomas. Sie entsteht durch Wechselwirkungen: neue Wohnsituation, bestehende Dreiergruppe, andere WfbM, institutionelle Aufgabenlogik, aber auch durch Ressourcen wie Gemeinschaftsraum, Spielinteresse und Natur/Fotografie.
Förderfaktor Spielgruppe, Tisch, Interessen, Arbeitsplatzbindung, leerstehender Raum.
Barriere Unterbrechung, Pflichtverdichtung, Gruppenschwelle, infantilisierende Rahmung.
Spielzugang: vom Zuschauen zum Mitspielen
Warum diese Visualisierung wichtig ist
Thomas muss nicht sofort „mitspielen“. Prüfungsstark ist eine gestufte Assistenz: erst wahrnehmen, dann Wahl anbieten, dann Struktur geben, dann Peer-Kontakt ermöglichen, dann evaluieren. Dadurch wird seine Autonomie geschützt und die Gruppe nicht instrumentell benutzt.
Teilhabebruch: Ursache-Wirkungs-Kette und Gegensteuerung
Professionelle Gegensteuerung
| Bruchstelle | Risiko | Gegenmaßnahme |
|---|
Quadrantenkarte: Selbstbestimmung, Struktur, Gruppe und Individualität
Oben = mehr Selbstbestimmung, rechts = stärker gruppenbezogen. Die fachliche Aufgabe ist, Thomas aus isolierter individueller Rückzugsfreizeit in selbstbestimmte, anschlussfähige Gemeinschaftsfreizeit zu begleiten.
Ressourcen-Herausforderungs-Maßnahmen-Matrix
Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Beteiligten
Interessenbrücke: Natur/Fotografie als sozialer Zugang
Transfer in A3
Die Interessenlinie ist prüfungsrelevant, weil sie aus A1-Ressourcen konkrete A3-Maßnahmen erzeugt. Naturfilme, Kamera und frühere Radtouren sind kein Beiwerk, sondern Schlüssel für erwachsenengerechte Teilhabe.
Ressource Tierfilme → Fotografie → Ausflug → Gruppe → Anerkennung.
Prüfungsformulierung „Die Maßnahme ist ressourcenorientiert, weil sie an Thomas’ selbst geäußertem Interesse an Natur und Fotografie ansetzt und daraus einen sozialen Teilhaberaum entwickelt.“